Hohe Erwartungen

Viele Aktivitäten im Bereich Smart City werden durch Fördermittel angeschoben. Das Programm „Modellprojekte Smart Cities: Stadtentwicklung und Digitalisierung“ – ab diesem Jahr unter der Regie des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen – ist sicherlich das bedeutendste Förderprogramm in Deutschland. Aber auch andere Bundesministerien und die Europäische Union, so wie auch Regierungen der Bundesländer unterstützen neue Ansätze. Und selbstverständlich möchte man wissen, was mit dem Geld gemacht wird und welche Effekte erzielt werden. Am besten zeigt man signifikante Verbesserungen noch innerhalb der Laufzeit des Programms, denn die Fördermittelgeber (EU, Bund, Land) möchten ja dem Steuerzahler auch die sinnvolle Verwendung der Gelder aufzeigen. Nicht zuletzt, um Werbung für das eigene Regierungshandeln treiben zu können.

Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung hat in einer Studie vom Januar 2022 die Evaluierung, also das Messen der Effekte und Wirkungen von Smart City-Förderprojekten, von vier deutschen Großstädten betrachtet. Die Studie „Wirkungsanalysen von Smart-City-Projekten“ (BBSR-Online-Publikation 14/2022) findet man hier als öffentlichen Download.

Städte, Landkreise und Gemeinden sind komplexe Gebilde und einfache Wirkbeziehungen existieren kaum. Die Faktoren, die zum Beispiel zur Reduktion von Treibhausgasen beitragen, sind nicht vollumfänglich bekannt, oder das Erfassen der notwendigen Daten für den Nachweis einer ursächlichen Beeinflussung durch die geförderten Maßnahmen technisch, finanziell oder methodisch gar nicht möglich. Heutzutage werden die UN-Nachhaltigkeitsziele fast schon als Muss angesehen, wenn Smart City-Strategien entwickelt werden. Diese Ziele sind bewusst abstrakt gehalten, um möglichst viele Teilnehmer vereinen zu können, und der zeitliche Horizont ist weit entfernt. Bei den 17 UN-Nachhaltigkeitszielen wurden 15 Jahre als Zeitraum gesetzt, damit der Plan zur Förderung nachhaltigen Friedens und Wohlstands und zum Schutz des Planeten umgesetzt werden kann. Ähnlich sind die Smart City-Strategie der Städte zu verstehen. Der Anspruch möglichst „alle Bürgerinnen und Bürger mitnehmen“ verführt dazu, die Ziele abstrakt zu setzen, was eine quantitative Analyse, also die Auswertung von Messdaten, fast schon ausschließt.

Neben der abstrakten Zielsetzung sind räumliche und zeitliche Beschränkungen der Projekte ein Grund, warum der Nachweis eines Erfolges oft schwer fällt. Förderungen sind oftmals auf einen Zeitraum von 3 – 7 Jahren begrenzt. Man möchte ja keine Strukturen etablieren, sondern durch die relativ kurze Lebensdauer sicherstellen, dass der Fokus nicht verloren geht und die Vorhaben handhabbar bleiben. Lieber werden mehrere Programme nacheinander aufgesetzt und die Inhalte justieren sich anhand der Lerneffekte. Die räumliche Begrenzung macht Sinn, wenn man a) an den Investitionsbedarf einer stadtweiten Maßnahme denkt und b) wegen des Innnovationsgrad der eingesetzt Lösungen das Risiko eines großflächigen Fehlschlages vermeiden möchte. Man erhält dann aber bestenfalls ein Testergebnis, einen „proof of concept“ oder eine Machbarkeitsstudie. Oft spricht man von einem „Reallabor“, Technik wird in die Wildnis entlassen, um zu prüfen, ob die Annahmen aus den Entwicklungszentren stimmen. Hier können per se keine Erkenntnisse herauskommen, welche die „großen“ Hypothesen stützen. Auswertungen von Tests (teil-) autonomer Shuttles haben unserer Kenntnis nach den Aspekt CO2 nicht im Fokus. Die Beteiligten wehren ab, es sei noch zu früh und zu viel im Unklaren.

Führt man die beiden Aspekte strategische abstrakte Zielsetzung und räumlich, zeitlich, finanziell begrenzte Projekte zusammen, so wird klar, dass der hohe politische Anspruch sich in einzelnen Projekten nicht auf Wasserfestigkeit testen lässt. Das ist nicht als Vorwurf zu verstehen. Die Natur des Menschen ist eben, dass man das Unbekannte und Neue lieber erforscht, als das Risiko eingeht, auf alten Lösungen neue Erkenntnisse zu gewinnen. Aber man darf die Frage stellen, warum flächendeckende Lösungen nicht in Bezug auf ihren Beitrag zu strategischen Zielen untersucht werden?

Wie würde so eine Analyse konkret aussehen? Betrachten wir ein Beispiel. Es gibt großflächige Lösungen für das Parkraummanagement. Eine Vorreiterin ist die Stadt Bad Hersfeld. Im Herzen der Stadt wurde ein Leitsystem eingeführt, um Hinweise auf einzelne freie Parkplätze zu geben (hier geht es zu einem Bericht). Der Betrieb läuft seit mehreren Jahren einwandfrei. Der Effekt einer Reduktion des Parksuchverkehrs liesse sich prüfen, indem ein vergleichbarer Bereich einer anderen Stadt hinzugezogen wird, um eine vergleichende Betrachtung durchzuführen.

Was jedoch nicht unterschätzt werden sollte, ist die Wirkung nach innen. Alle Städte in der Betrachtung der BBSR-Studie nennen als eine willkommene Wirkung die Erkenntnisse über die eigenen Strukturen und die Komplexität von Genehmigungen und Umsetzungen. Smart City-Projekte setzen nun mal innovative Lösungen ein und motivieren das angestammte Flussbett zu verlassen. Vorgänge werden angestoßen, die fast schon zwangsläufig die Grenzen der bisherigen Strukturen und Prozesse aufweisen. Diesen Effekt dann messbar aufzuzeigen, dürfte die schwierigste aller Aufgaben werden. Aber an dieser Stelle sei die Argumentation über Anekdoten ausnahmsweise erlaubt.

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